Hirsch ersetzte Löwen

Erstes Bundesligaspiel mit Trikotwerbung von Eintracht Braunschweig im März 1973

Trikotwerbung war in den Anfangsjahren der Fußball-Bundesliga verboten. Dann trat 1973 Eintracht Braunschweigs Sponsor Günter Mast mit einer vermeintlichen Schnapsidee auf den Plan. Der Kräuterlikörfabrikat aus Wolfenbüttel entdeckte die Spielerbrust als Werbefläche. 50 Jahre später ist Profi-Fußball ohne Trikotsponsoring undenkbar.

Hannover/Braunschweig – Die Bundesliga-Partie zwischen Eintracht Braunschweig und dem FC Schalke 04 am 24. März 1973 ist als historisches Datum in den Fußball-Annalen fest verankert. Die Eintracht-Profis traten erstmals mit dem Hubertushirschen – dem Markenzeichen des Sponsors und Likörfabrikanten Günter Mast – auf der Spielerbrust an. Das galt vor 50 Jahren als ein revolutionäres Ereignis, über das in den Monaten zuvor bereits heftig und kontrovers diskutiert wurde.

Kritiker empörten sich über die Spielerbrust als Litfaßsäule und die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs. Skeptiker sprachen von einer Schnapsidee, und auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) war alles andere als begeistert über die Braunschweiger Pläne, die er zunächst untersagte. Die DFB-Bosse stritten sich vehement und in aller Öffentlichkeit mit dem forschen Likörhersteller, der der Eintracht laut dem „Jägermeister-Archiv“ 5 mal 100 000 Mark für einen Trikotwerbevertrag Jahre angeboten hatte.

Bereits fünf Jahre zuvor musste der DFB einen eigenmächtigen Vorstoß des Regionalligaclubs Wormatia Worms mit einem Verbot beenden. Die Wormser hatten in der Saison 1967/68 in drei Partien auf ihren Trikots für einen amerikanischen Baumaschinenhersteller geworben, ehe sie zurückgepfiffen wurden. Seither fühlt sich auch die Wormatia ähnlich wie die Eintracht als ein Pionier der Trikot-Werbung.

Der pfiffige Unternehmer Mast aus Wolfenbüttel hatte mit Fußball zwar wenig im Sinn, erkannte aber den hohen Werbewert der Sportart Nummer eins und gab nicht so schnell auf. „Der Streit mit den DFB-Instanzen und vor ordentlichen Gerichten war allgegenwärtig in den Medien und somit eine riesige PR-Kampagne für Mast und seine Firma“ erklärte der damalige Braunschweiger Mannschaftskapitän Bernd Gersdorff.

Mast und der damalige Eintracht-Präsident Ernst Fricke, die sich gut verstanden, fädelten schließlich zu Jahresanfang 1973 einen Coup ein. Auf einer Mitgliederversammlung am 8. Januar wurde mit großer Mehrheit der Hirschkopf statt des Löwen in das Vereinswappen des deutschen Meisters von 1967 aufgenommen.

Der DFB, der zwar das Werbelogo untersagt hatte, aber kein Vereinswappen verbieten konnte, erteilte letztlich zähneknirschend die Genehmigung zur Trikot-Werbung.  Schiedsrichter Franz Mengenmeyer musste aber am 24. März vor dem Anpfiff der Schalke-Partie genau nachmessen, dass das neue Wappen nicht größer als die erlaubten 14 Zentimeter war.

Besonders viel Glück hatte die Eintracht aber nicht mit dem neuen Wappentier. Die Schalke-Partie endete 1:1, und am Saisonende stieg der Verein aus der Bundesliga ab. Der umtriebige Mast wurde später auch Eintracht-Präsident, holte Weltmeister Paul Breitner für eine Saison nach Niedersachsen, scheiterte aber mit seinem Plan, den Traditionsverein in „SV Jägermeister Braunschweig“ umzubenennen. Die Kooperation Jägermeister/Eintracht Braunschweig endete 1986. Danach kehrte auch der Löwe in das Vereinswappen zurück.

Text: Peter Hübner, 22.03.2023