Unfall oder Mord?

Vor 40 Jahren stirbt Fußballprofi Lutz Eigendorf in Braunschweig

Die Mord-Theorie ist weder bewiesen noch widerlegt. Die genauen Umstünde des Todes von Fußball-Profi Lutz Eigendorf am 7. März 1983 in Braunschweig können vermutlich niemals geklärt werden. Sein früherer Verein Eintracht Braunschweig und die Stadt Braunschweig erinnern nach 40 Jahren mit einer Gedenktafel an den früheren DDR-Auswahlspieler. Er war 1979 in die Bundesrepublik geflohen. Für die Stasi und ihren Chef Erich Mielke war er ein Republikflüchtling und Verräter.

Hannover/Braunschweig – Der mysteriöse Tod von Lutz Eigendorf liefert auch nach vier Jahrzehnten reichlich Gesprächsstoff. Mit einer Gedenktafel erinnerten Eintracht Braunschweig und die Stadt am 7. März 2023 an das Schicksal des früheren Fußballspielers. Er war am 5. März 1983 abends kurz nach 23 Uhr auf regennasser Fahrbahn in Braunschweig-Querum mit seinem Alfa Romeo gegen einen Baum geprallt. Zwei Tage später erlag der sechsmalige DDR-Auswahlspieler seinen schweren Kopf- und Brustverletzungen im Krankenhaus.  Die Blutprobe ergab einen hohen Promillewert von 2,2. Eigendorf, der 1979 in den Westen geflohen war und zuvor für den BFC Dynamo Berlin gespielt hatte, absolvierte für den 1. FC Kaiserslautern (53) und Eintracht Braunschweig (8) insgesamt 61 Bundesliga-Spiele. Er wurde nur 26 Jahre alt.

 VERDACHT AUF AUFTRAGSMORD

„Das war ein Auftragsmord der Stasi. Ich ärgere mich bis heute, dass die Staatsanwaltschaft viel zu wenig in diese Richtung ermittelt hat“, erklärte Dr. Heribert Schwan am Vorabend des 40. Todestages bei einer Diskussionsrunde des Zweitligisten Eintracht Braunschweig. Der ehemalige WDR-Journalist, Buchautor und Historiker hatte bereits im Jahr 2000 mit seiner viel beachteten TV-Dokumentation „Tod dem Verräter – der Fall  Lutz Eigendorf“ und in einem gleichnamigen Buch ausführlich darüber berichtet, dass auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in den Unfall verstrickt gewesen sei.

Nach seinen Recherchen beteiligten sich rund 50 Stasi-Mitarbeiter an der Bespitzelung von Eigendorf und dessen Familie.  Seine Frau war in Ostberlin geblieben, eine Kontaktaufnahme war nicht möglich und so willigte sie auch auf Druck bereits im Juli 1979 in eine Scheidung ein.  „Stasi-Chef Erich Mielke war persönlich beleidigt über die Flucht des talentierten Dynamo-Spielers“, sagte Schwan. 

EIGENDORF LIEBTE DAS LEBEN

Der „Republikflüchtling“ sei zunächst in Kaiserslautern und nach 1982 auch in Braunschweig auf Schritt und Tritt überwacht worden.  Die „panische Angst vor der Stasi“, die Eigendorf anfangs in der Pfalz verspürte, sei nach und nach verflogen. Er heiratete ein zweites Mal, genoss die neue Freiheit und verzichtete, anders als ebenfalls geflohene DDR-Fußballer wie Norbert Nachtweih, Falko Götz oder Dirk Schlegel, auf Berater. „Lutz liebte das Leben. Über Bespitzelungen wurde nicht gesprochen“, charakterisierte der frühere Eintracht-Stürmer Ronald Worm seinen Mitspieler.   

Am Unfalltag hatten die Braunschweiger ihr Heimspiel gegen den VfL Bochum 0:2 verloren. Eigendorf saß 90 Minuten auf der Bank, war ziemlich sauer und trank am Abend laut Zeugenaussagen in zwei Lokalen insgesamt vier Bier. Das kann den festgestellten hohen Alkoholwert von 2,2 Promille aber nicht erklären. „Dafür hätte er 4,3 Liter Bier trinken müssen“, argumentierte Schwan. Nach seiner Auffassung ist Eigendorf von Stasi-Agenten betäubt und durch Injektionen alkoholisiert worden. Bei der Autofahrt sei er dann von einem anderen Fahrzeug absichtlich geblendet worden. Das sogenannte Verblitzen taucht in Stasi-Akten auf, die nach der Wende eingesehen werden konnten.

Ähnlich sehen es andere Verfechter der Mord-Theorie. Der Pädagoge Andreas Holy hat seine Examensarbeit über den Fall Eigendorf geschrieben. „Zu 100 Prozent kann man das nicht nachweisen“, erklärte Holy im Jahr 2013 in einem Interview mit der Fachzeitschrift „11Freunde.de“ zum 30. Todestag. „Belege und Hinweise für diese Version gibt es jedoch eine Menge. Ich habe mich insgesamt durch circa 3600 Akten gelesen: 1000 Ermittlungsakten der Polizei Braunschweig und Staatsanwaltschaft Berlin und 2600 MfS-Dokumente.“

POLIZEI GLAUBTE AN ALKOHOLFAHRT 

Die Brauschweiger Polizei legte sich vor 40 Jahren ziemlich schnell auf eine Alkoholfahrt als Unfallursache fest. Der zuständige Oberstaatsanwalt Dr. Jürgen Grasemann sah damals keine Anhaltspunkte, die weitere Ermittlungen gerechtfertigt hätten. „Hinzu kamen Hinweise auf Eigendorfs Lebensstil und Fahrweise. Er fuhr immer schnell“, sagte Grasemann 2008 in der „Braunschweiger Zeitung“. Als Zweifel an dieser Version auftraten, war es für eine umfassende Beweissicherung zu spät. Eigendorf wurde bereits am 17. März 1983 auf dem Waldfriedhof in Kaiserslautern beigesetzt. 

Schwan sprach den damaligen Oberstaatsanwalt zwar auf eine mögliche Exhumierung an, doch der inzwischen verstorbene Grasemann habe in dieser Hinsicht laut Schwan nichts unternommen.  Auch bei Eigendorfs Witwe stieß der Buchautor mit seinem Vorschlag einer Exhumierung auf wenig Gegenliebe. „Da hatte ich keine Chance. Sie bat mich, den Fall in Ruhe zu lassen“, berichtete Schwan. 

Für ihn gilt der ehemalige inoffizielle Stasi-Mitarbeiter IM „Klaus Schlosser“ alias Karl-Heinz Felgner als möglicher Täter. Der frühere DDR-Meister im Boxen, ein alter Bekannter von Eigendorf aus Berliner Zeiten, hatte am 9. Februar 2009 sogar vor dem Landgericht in Düsseldorf erklärt, einen Mordauftrag für Lutz Eigendorf erhalten zu haben.  Den Auftrag habe er aber nicht ausgeführt.  In Felgners Stasi-Akte fehlen alle Dokumente zum Fall Eigendorf. 

MANGELHAFTE ERMITTLUNGEN

Seine Aussage veranlasste die Staatsanwaltschaft Berlin nicht, den Fall noch einmal neu aufzurollen. Felgner ist inzwischen ebenso verstorben wie der frühere Stasi-Oberstleutnant Heinz Heß, für Schwan die zentrale Figur und der Chef-Organisator des vermuteten Mord-Komplotts. Aus MfS-Unterlagen geht hervor, dass Heß am Todestag von Eigendorf mit einer Sonderprämie von 1000 DDR-Mark ausgezeichnet worden war.  „Er wurde niemals vernommen. Ich habe ihn getroffen und wollte mit ihm reden. Er ist davon gelaufen“, berichtete Schwan.

Als weiteren Beleg für seine Mord-Theorie wertete der Journalist die Tatsache, dass Eigendorfs Ex-Mannschaft BFC Dynamo Berlin ausgerechnet auf der Anreise zum Freundschaftsspiel beim VfB Stuttgart am 8. März 1983 mit der Todesnachricht konfrontiert wurde. Das sollte für alle Dynamo-Spieler eine klare Warnung sein.

 „Ich bin beeindruckt von der Indizienkette, die Schwan erarbeitet hat. Sie ist schlüssig“, sagte der Historiker René Wiese. Der Vorsitzende des Zentrums für Deutsche Sportgeschichte. „Es gab juristische Mängel, aber ich habe noch ein bisschen Hoffnung, dass es auch nach 40 Jahren mehr Licht im Dunkel gibt“, fügte Wiese hinzu.

Text: Peter Hübner, 07.03.2023