50 Jahre Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft:

Ein kleiner Rückblick … und wie Niedersachsen ins Spiel kam

Am 6. Oktober 1976 wurde im Hofbräuhaus von München in Anwesenheit von „ca. 280 Personen“ von „21.10 bis 22.30 Uhr “ (lt. Gründungs-Protokoll) die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) gegründet. Diese Gründung in einem weltbekannten Wirtshaus war weder eine kühle „Schnapsidee“ noch erfolgte sie aus einer spontanen „Bierseligkeit“.

Der Gründung der ersten Personenvereinigung auf dem Gebiet der Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland (in der DDR gab es so etwas nicht!) war ein längerer Prozess vorausgegangen. Dabei galt es, unterschiedliche Interessen auszugleichen und gemeinsame Ansprüche herzustellen – und gleich nach der Gründung im Freistaat Bayern kam dabei Niedersachsen ins Spiel: „Erste“ Adresse der dvs wurde fortan die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover – ganz genau das Institut für Sportwissenschaft der (heutigen) Leibniz Universität Hannover (LUH) am Moritzwinkel in unmittelbarer Nähe des Welfenschlosses, dem Hauptsitz der Universität, in der Nähe der Herrenhäuser Gärten – warum?

Mit Prof. Dr. Andreas Heinrich Trebels (1937-2021) wurde ein Sportwissenschaftler als erster dvs-Präsident gewählt, der zwei Jahre zuvor als erster Professor mit der Denomination Sportpädagogik an die LUH berufen worden war. Der erste dvs-Vorstand ernannte ferner mit dem Sportsoziologen Prof. Dr. Gunter A. Pilz einen Kollegen aus dem Institut für Sportwissenschaft der LUH zum ersten dvs-Geschäftsführer: „Mein Job als ehrenamtlicher dvs-Geschäftsführer umfasste damals auch handwerkliche Tätigkeiten: Briefumschläge händisch beschriften und Mitglieder-Info auf einem Matrizendrucker mit Handkurbel vervielfältigen. Aber es herrschte eine positive Aufbruchstimmung. Die junge Sportwissenschaft konnte sich deutschlandweit immer mehr in Lehre und Forschung etablieren. Die Olympischen Spiele 1972 in München hatten einen hohen Push-Faktor für die Akzeptanz der Sportwissenschaft ausgelöst“, erinnert sich der 81-jährige international renommierte Fußballfan-Forscher Pilz, der später u.a. als zweiter Ethikpreisträger des Deutschen Olympischen Sportbundes ausgezeichnet wurde. 

Andreas H. Trebels als erster Präsident der dvs hatte eine nicht ganz einfache Aufgabe schon vor der Gründung bereits hinter sich: In den (hochschul-)politisch bewegten 1970er Jahren musste er die formell bestehenden, aber auch informell agierenden Standes- bzw. Interessengruppen unter dem zukünftigen Dach der dvs neu zusammenzuführen. Dazu gehörte die Auflösung der bis dahin ausschließlich mit Professoren besetzten Arbeitsgemeinschaft der (westdeutschen) Institutsdirektoren (AID); hinzu kamen die Kollegien der damals noch zahlreichen Pädagogischen Hochschulen (PH), die als Fachgruppe Leibeserziehung (FLPH) ebenso in die neue dvs zu integrieren waren.

Dem Hannoveraner Trebels ist dies offensichtlich mit seinem rührigen Engagement als Vorsitzender eines sog. vorbereitenden Ausschusses und nicht zuletzt dank seiner ausgleichenden Diplomatie in der Zeit vor der Gründung der dvs im Münchner Hofbrauhaus sehr gut gelungen. Trebels blieb drei Jahre im Amt als erster dvs-Präsident und gehörte danach noch bis 1981 dem dvs-Präsidium weiter an. Der damals 39-jährige Sportpädagoge hat mit der Übernahme seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als erster dvs-Präsident der Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland dieser jungen Disziplin erstmals ein auch öffentlich wahrnehmbares Gesicht als freie Personenvereinigung über alle akademischen Statusgruppen (Professuren, Mittelbau, Nachwuchs) und Fachdisziplinen (z.B. Trainingswissenschaft, Sportgeschichte) hinweg gegeben: Die dvs wurde seitdem zum Zentrum der sportwissenschaftlichen „Community“, und die drei klein geschriebenen Buchstaben „dvs“ generierten mehr und mehr zum immer größer werdenden Markenkern. Im Gründungsjahr 1976 hatte die dvs 170, heute sind es rund 1.100 Mitglieder – darunter auch solche aus Niedersachsen, die sich mit ihrem ehrenamtlichen Engagement für die dvs an den acht sportwissenschaftlichen Standorten in Niedersachsen (Braunschweig, Göttingen, Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Oldenburg, Osnabrück und Vechta) in den ersten fünf Jahrzehnten eingebracht haben:

Ohne Anspruch auf chronologische Vollständigkeit seien einige Daten und Fakten hier zusammengestellt und an Personen aus Niedersachsen in ihren dvs-Funktionen erinnert: Mit dem Sportwissenschaftler Prof. Dr. Elk Franke (84) von der Universität Osnabrück war noch ein zweiter Niedersachse dvs-Präsident, und zwar in der Wendezeit von 1989-1991; genau genommen kommen noch „zwei halbe“ dvs-Präsidenten aus Niedersachsen hinzu: Prof. Werner Schmidt (77, von 1999 bis 2003) war beruflich als Sportpädagoge an der Universität Essen tätig, lebt aber nach wie vor in Oldenburg, während der Bielefelder Prof. Dr. Dietrich Kurz (1942-2023), von 1985 bis 1989 dritter dvs-Präsident, in Hannover aufwuchs, am dortigen Ratsgymnasium das Abitur ablegte und sportlich als Mittelstreckler bei Hannover 78 aktiv war.

Folgende Kolleginnen und Kollegen aus Niedersachsen gehörten in den ersten 50 Jahren seit Gründung der dvs zeitweilig dem dvs-Präsidium an: Dr. Herbert Karl (TU Clausthal-Zellerfeld als Schatzmeister, 1977-1987), Prof. Dr. Günter Köppe (Uni Göttingen, 1981-1987), Prof. Dr. Petra Wolters (Uni Vechta, 2003-2005 und 2021-2024), Jun.-Prof. Dr. Katja Schmidt (Uni Göttingen, 2005-2007), Prof. Dr. Ina Hunger (Uni Göttingen, 2013-2017 und seit 2025). Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus Niedersachsen haben seit der Gründung der dvs in den Organen (z.B. Sektionen, Kommissionen) mitgearbeitet oder sind hier aktuell im Amt. Seit 2005 zeichnet das dvs-Präsidium Mitglieder für besondere Verdienste in der dvs und für die Sportwissenschaft in Deutschland mit der Goldenen Ehrennadel der dvs aus. Insgesamt 33 dieser Auszeichnungen wurden bisher vergeben – auch an sechs Persönlichkeiten der Sportwissenschaft aus Niedersachsen; dazu gehören neben Prof. Dr. Gunter A. Pilz (LUH) auch Prof. Dr. Renate Zimmer und Prof. Dr. Elk Franke von der Universität Osnabrück.   

Die sog. dvs-Hochschultage sind die größten Veranstaltungen, mit denen sich die dvs in der und für die wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit präsentiert; in der Anfangszeit jedes Jahr, jetzt im zweijährigen Rhythmus vorzugsweise im Frühherbst: Der erste und im wahrsten Sinne des Wortes wegweisende dvs-Hochschultag mit dem Thema „Sportwissenschaft auf dem Weg zur Praxis“ fand bereits ein Jahr nach der Gründung im November 1977 an der Universität Göttingen statt. Zum 10. und ersten deutsch-deutsch vereinten dvs-Hochschultag machte die Sportwissenschaft ebenfalls in Niedersachsen halt: Im Jahre 1991 lautete an der Universität Oldenburg dazu sehr treffend das einladende Motto „Sportwissenschaft im Dialog“. Die letzte größere dvs-Tagung mit über 200 Gästen war übrigens die 30. Jahrestagung der dvs-Sektion Sportpädagogik, die das Institut für Sportwissenschaft der LUH in den Räumen des Landessportbundes (LSB) Niedersachsen im Juni 2017 zum Thema „Sportwissenschaft in pädagogischem Interesse“ ausgerichtet hat und bei der eine Führung durch die Räumlichkeiten des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH) selbstverständlich zum Rahmenprogramm gehörte.

Vorträge und Referate von dvs-Tagungen sind in der Anfangszeit in den sog. „dvs-protokollen“ (sic!) veröffentlicht worden. Der Band mit der Nr. 1 ist 1980 im Umfang von 100 Seiten zum damaligen Verkaufspreis von 8 DM erschienen. Das Buch mit gelbem Einband beinhaltete die fünf verschrifteten Beiträge einer Tagung in Reinhausen bei Göttingen zum Thema „Unterrichtsforschung in der Sportpädagogik“ (Redaktion: Günter Köppe und Jürgen Schröder von der Uni Göttingen). Die „dvs-protokolle“ wurden ab der Nr. 47 in „Schriftenreihe der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft“ umbenannt; bisher sind 306 Bände darin erschienen, ab Band 73 in der Edition Czwalina des Feldhaus Verlages Hamburg. Der jüngste und noch „druckfrische“ Band umfasst die Abstracts der 23. Jahrestagung der dvs-Kommission Gesundheit von Anfang September 2026 an der Deutschen Sporthochschule Köln.   

Zu den ältesten noch lebenden dvs-Gründungsmitgliedern zählt der heute 92-jährige (niedersächsische) Sportpädagoge Prof. Dieter Brodtmann, der ebenfalls an der Leibniz Universität Hannover bzw. davor an der PH Hannover und der PH Göttingen lehrte … und die erste dvs-Ehrenmitgliedschaft wurde 2009 an Prof. Dr. Ommo Grupe (1930-2015) vergeben, jenen aus Ostfriesland in Niedersachsen stammenden Nestor der Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland; Ommo Grupe hatte als erster im Fach Sportwissenschaft habilitiert und war im Hauptberuf Gründer und langjähriger Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen, ferner hatte Grupe jahrzehntelang einflussreiche Funktionen u.a. als Vize-Präsident beim Deutschen Sportbund und als Vorsitzender des Direktoriums im Bundesinstitut für Sportwissenschaft inne. Im Gedenken an sein hervorragendes Wirken vergibt die dvs-Sektion Sportpädagogik alle zwei Jahre den sog. Ommo-Grupe-Preis zur Förderung des sportpädagogischen Nachwuchses.

Das 50-jährige Jubiläum der dvs wird am Dienstag, dem 6. Oktober 2026, mit rund 100 geladenen Gästen in den Räumen beim LSB Hessen in Frankfurt/Main mit Festvortrag und Talkrunde gefeiert: Vorstand und wissenschaftlicher Beirat des NISH gratulieren der dvs zu ihrem 50. Geburtstag … möge die dvs weiterhin Geschichte in der und für die Sportwissenschaft in Deutschland mit internationaler Ausstrahlung schreiben!

Mehr zu den Zielen und Aufgaben der dvs sowie zu ihren Gremien und aktuellen Aktivitäten auch im Internet unter: www.sportwissenschaft.de.

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann

… ist seit 2024 Vorsitzender des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH), war von 1985 bis 1989 Geschäftsführer der dvs und von 2004 bis 2023 als Sportpädagoge am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover tätig. Im Jahre 2021 wurde er mit der Goldenen Ehrennadel der dvs ausgezeichnet.